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Kirche konkret und to go
Neukölln-Süd feiert den ersten Geburtstag
„Hört sich gut an“, stellt die ältere Dame fest. Stellt ihren Einkaufkorb ab und schaut sich die Angebote des Seniorenkulturkreises an. Mit anderen zusammen ins Theater gehen oder ins Konzert findet sie gut. Und auch, „dass ich dann abends nicht allein zurück in die Gropiusstadt fahren müsste“. Katholisch sei sie aber nicht, sagt sie mit Blick auf das Motto des Tages „katholisch + konkret“. Heike Bernsen vom Seniorenkulturkreis der Gemeinde St. Dominicus lacht: „Müssen Sie nicht, wir fragen nicht nach dem Taufschein.“ Das Leitungsteam des Pastoralen Raums im Süden Neuköllns hatte die Idee zu dem Informations- und Begegnungstag am 23. Juni. Eingeladen waren alle – Christen wie Nichtchristen, Alteingesessene wie „Zugereiste“. Seit fast anderthalb Jahren sind die drei Gemeinden an der U7 – St. Dominicus, Bruder Klaus und St. Joseph – zusammen mit allen Orten kirchlichen Lebens auf Entdeckungsreise: Was passiert an den Schulen, in den Senioreneinrichtungen? Wie geht es den Menschen, die hier leben? Was ist ihnen wichtig, was fehlt? „Katholisch konkret, wie Kitas, Küche, Krankenhaus“, sagt Wolfgang Klose vom Leitungsteam zum Auftakt. Dabei muss die Osterkerze aus der Dominicus-Kirche den Windböen trotzen, die über den Platz vor dem Gemeinschaftshaus am Lipschitzplatz fegen. Damit war der „Markt der Möglichkeiten“ eröffnet, und die Besucher konnten sich umschauen, was Katholische Kirche im Süden Neuköllns so alles macht. Gabriele Rodewald steht am Stand der St.-Marien-Grundschule und erzählt, dass sie in einer Klasse mit 28 Kindern mal gefragt habe, wer von ihnen Eltern hat, die nicht in Deutschland geboren sind: „27 Finger gingen da hoch.“ Ehrenamtliche helfen Schülern beim Lesen lernen oder bei den Hausaufgaben. „Und ich bin vom Brötchendienst“, stellt sich eine Frau vor. Gut zehn Ehrenamtlerinnen sorgen einmal pro Woche mit Brötchen und mundgerecht geschnippeltem Obst und Gemüse für‘s Frühstück. „Weil immer mehr Kinder morgens von den Eltern einen Euro in die Hand gedrückt bekommen und sich dann einen Schokoriegel kaufen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Einatmen. Nach unten ausatmen.“ Auf der anderen Seite des großen Saales üben sich elf Frauen und ein Mann in Qi Gong. Inmitten des Gewusels wirken sie tiefenentspannt. Gegenüber, am Stand der Rudower Gemeinde St. Joseph, duftet es nach Kaffee. „Wie sonntags nach der Heiligen Messe“, sagt Maria Kaiser und wirbt für das Café in der Alten Bücherei. „Nach dem Gottesdienst noch ein Stündchen zusammen bleiben und erzählen ist doch eine schöne Kennlern-Möglichkeit, gerade auch für Neue.“ Ein älterer Herr blättert in der Gemeindechronik. „Ich bin zwar nicht kirchlich, aber so eine Chronik ist doch auch Heimatgeschichte“, betont er und nimmt gern ein Exemplar mit nach Hause. Damit die Besucher sammeln können, was sie interessiert oder neugierig macht, haben Kinder im Religionsunterricht Tüten aus Packpapier mit dem Motto „Kirche to go“ bedruckt: Kirche zum Mitnehmen. Inzwischen ist die Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, Karin Korte (SPD), zum Interview gekommen. Wie wird die Katholische Kirche im Neukölln wahrgenommen, fragt Moderatorin Heike Neubrand. „Eher schwach“, ist die Antwort. „Man kennt und schätzt die sozialen Aktivitäten etwa der Caritas oder der Malteser, bringt sie aber nicht unbedingt mit der Kirche in Verbindung.“ Die Gemeinden wirkten für viele als in sich geschlossen, daher ihr heißer Tipp: „Nehmen Sie am öffentlichen Leben teil. Verteilen Sie nicht nur Flyer, sondern zeigen Sie Selbstbewusstsein, bringen Sie sich ein in den gesellschaftlichen Diskurs.“ Da haben die kfd-Frauen aus St. Dominicus schon mal alles richtig gemacht: „Klein, aber oho“ ist ihr Motto. Das „Oho“ bezieht sich auf das gesellschaftspolitische Engagement des Verbands, etwa bei der Einführung der Elternzeit. Und neben Flyern bekommt Frau auch eine Rose geschenkt, was den Besucherinnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. „Können wir jetzt spielen gehen“, quengeln Sophia und Elisa aus Buckow, während ihre Mutter sich Fotos aus der Geschichte der Neokatechumenalen Gemeinschaft anschaut. Sie sucht nach Bekannten aus den Anfängen in Leipzig, als es die DDR noch gab. Ihre Töchter wollen erst zum Schminken und dann Spiele machen. In der oberen Etage des Gemeinschaftshauses haben Mitarbeiterinnen der katholischen Kitas und des Horts ein Spieleparadies geschaffen. Für Kita-Leiterin Jeannette Bury ist es „besonders schön zu sehen, dass hier auch Eltern mitspielen, zusammen mit ihren Kindern Zeit verbringen.“ Nur an den Kicker können sie gerade nicht. Da fordert Wolfgang Klose Dr. Fritz Felgentreu von der SPD heraus. Der Bundestagsabgeordnete blickt von seinem Wahlkreisbüro auf die St.-Dominicus-Kirche. Die Kirche sei ein „sehr angenehmer und engagierter Nachbar“, lobt er. „Es ist sehr gut, dass die Kirche ihrer Tradition, sich um die Armen zu kümmern, treu bleibt. Zum Beispiel beim Einsatz für Obdachlose, die auch in Neukölln mehr werden.“ Und ja, es würde in Neukölln auffallen, gäbe es keine Katholische Kirche mehr: „Ich denke an die Kitas und Schulen, in denen christliche Werte gelebt und vermittelt werden, oder an die Besuchsdienste in den Seniorenheimen und Krankenhäusern.“ Das hört Norbert Jüngling gern. Er besucht die Bewohner in zwei von zehn Seniorenhäusern im Süden Neuköllns sowie Patienten im Vivantes-Klinikum. Und freut sich, dass zwei der Gäste am Stand Interesse gezeigt hätten, beim Krankenbesuchsdienst einzusteigen. „Einer will eine medizinische Ausbildung machen, das wäre doch perfekt.“ Neben ihm informiert Markus Gebing, der Vertreter der Katholischen Kirche im Neuköllner Bündnis für Demokratie und Respekt, über rechtsextremistisch motivierte Straftaten und was jeder und jede tun könne gegen Gewalt, Hass und Ausgrenzung. Dass die Kirche beim Bündnis Neukölln mitmacht, findet er toll: „Da spricht die Frau von den Linken mit dem Mann aus der katholischen Gemeinde – das ist doch christlich.“ Und dringend geboten: Heinz Ostermann, Geschäftsführer der Rudower Buchhandlung Leporello, erzählt beim Interview, wie ihm das Auto abgefackelt wurde, weil er sich klar gegen rechte Ideologien und für Flüchtlinge positioniere. Unter den Gästen des Begegnungstages sind auch zwei junge muslimische Frauen. Sie hätten im Internet von „katholisch + konkret“ gelesen, sich in Spandau ins Auto gesetzt und seien nach Neukölln gekommen, „weil wir miteinander reden müssen, weil Christen und Muslime zusammen etwas tun können für den Frieden“. Die Zeit reicht kaum, alle Angebote auf dem „Markt der Möglichkeiten“ gebührend wahrzunehmen - die Pfadfinder, die Caritas-Sozialstation, das Entwicklungshilfe-Projekt, der Bau- und Förderverein – die fünf Stunden vergehen wie im Fluge. Und alle haben beim Stöbern etwas zum Mitnehmen gefunden: Eftichia, neun Jahre alt, steht an der Buttonmaschine des Familienzentrums Manna der Malteser und zeigt, was in ihrer „Kirche to go“-Tüte steckt: „Ein Kugelschreiber, ein Bleistift, Gummibärchen, aber mit einer Kirche drauf, Aufkleber, Lavendel und der Button, den ich mir eben gemacht habe. Und ein Lesezeichen.“ Das Lesezeichen gab‘s am Stand der Marienschule. „Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht“ steht darauf. In Schulausgangsschrift. Am Ende des Begegnungstages steigen Hunderte hoffnungsgrüne Luftballons mit Gebeten und guten Gedanken in den Neuköllner Himmel auf. Zum Beispiel mit den Wünschen aus dem Schlusslied der Andacht: „Geht mit der Einsicht, in Frieden zu leben. Geht mit der Aussicht, den Himmel zu erden. Geht mit Gott.“
Juliane Bittner

 
 
 
 
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